EINE KURZE ERZÄHLUNG Zum Gedicht PROMETHEUS von J.W.v. Goethe

Ich saß an einem Tisch und blickte in die Ferne. Vor mir lag das Meer, so ruhig und klar. Nichts ließ es wütend werden. Es war Ruhe und Frieden. Auf die Menschen um mich herum hatte das Meer eine beruhigende Wirkung – auf mich nicht. Ich konnte nicht zur Ruhe kommen. Das lag vor allem an einem sehr mächtigen Mann. Ich wusste nicht, ob mich dieser Mann hasste. Ich wusste nicht, was in seinem Kopf vorging und ich wusste auch nicht, was er wollte. Ich wusste nur, dass ich wütend auf ihn war. Sehr wütend.


Zeus. Der Göttervater. Der Gott, der die Blitze kontrollierte. Dieser Mann saß neben mir. Er blickte ebenfalls auf das Meer. Ihn nur zu sehen, wie er neben mir saß, löste in mir eine solche Wut aus, dass ich anfing, zu reden und erst wieder aufhörte, als ich alles losgeworden bin. „Der große Zeus sitzt hier bei den Menschen, die er doch gar nicht leiden kann“, fing ich an. „Bist du hier, um mir die Erde wegzunehmen, so wie du mir meine Freiheit genommen hattest? So, wie du mich in den Tartaros gesperrt hattest?“


Ich schnaubte. Ich sah ihn hasserfüllt an. „Du hast weder meine Hütte gebaut oder beneidest du mich um die Glut in meinem Herd, weil ich sie dir gestohlen habe und daraus etwas Gutes gemacht habe? Weißt du, ich kenne wirklich nichts Ärmeres hier unter der Sonne als euch Götter. Lebt doch am Ende nur von Opfersteuern und Gebetes Hauch von denen, die noch an euch glauben. Sollte ich vielleicht eure Majestät sagen?“ Ich verbeugte mich spöttisch und lachte höhnisch. „Ihr existiertet schon lang nicht mehr, würden nicht Kinder und Bettler auf euch setzten und hoffen, dass ihr sie retten würdet. Dass du, als ihr Anführer, sie retten würdest. Aber nein, das würdest du nicht, Zeus, nein, denn du siehst nichts Gutes in ihnen. Ich meine, wer half mir wider der Titanen Übermut? Und, wer rettete mich vom Tod und von Sklaverei? Ich soll dich ehren. Aber wofür? Hast du die Schmerzen gelindert je des Beladenen? Hast du, Göttervater, die Tränen der Menschen gestillt, die Angst hatten? Nicht du hast mich zum Manne geschmiedet, sondern nur die allmächtige Zeit und das ewige Schicksal, meine Herren und deine. Wir beide würden nicht ohne die Titanen existieren. Nur ist dir das egal. Glaubst du etwa, ich sollte das Leben hassen, so wie du? In Wüsten und einsame Schlösser fliehen, weil nicht alle meine Träume Wirklichkeit wurden? Nein, weißt du was ich gemacht habe? Ich habe mich hingesetzt und diese Menschen nach meinem Bilde geformt. Ein Geschlecht, das mir gleich sei. Menschen, die leiden, weinen, genießen und sich freuen können und, dass ist das Grundlegende, dein nicht zu achten, genauso wie ich.“


Zeus sagte nichts. Er blickte nur in die Ferne. Dann stand er auf und ging. Ohne ein Wort zu sagen. Er ging – wie immer. Ihm war alles egal. Ich war ihm egal. Das, was ich geschaffen hatte, war ihm egal.


Ich blickte ihm nach. Ich hatte alles gesagt, was zu sagen war. Nun lag es an ihm, darüber nachzudenken und es anzunehmen oder sich niemals zu ändern. Ich wusste nicht, was die Zeit bringen würde, aber eines wusste ich: Meinen Glauben in die Götter hatte ich verloren. Und ich würde ihn erst wiederfinden, wenn sie, die Götter, mir gezeigt hatten, dass sie meinen Glauben verdienten.


(pge)

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