TÜRCHEN 18: HOFFNUNG

Manchmal sind Erinnerungen die schlimmste Form der Folter, aber auch das Beste, was wir haben.


Mir war kalt. Nicht wegen des Schnees, der draußen vor der Höhle viel, sondern weil ich nichts mehr fühlte. In mir war eine Leere, die nichts ausfüllen konnte. Ich hatte alles verloren und das Schlimmste daran war, dass ich schuld war.


Nachdem die dunklen Ritter über das Schloss hergefallen waren und alles niedergeschlagen haben, was sich bewegte, rannte ich. Ich rannte und hörte erst auf zu rennen, als ich fiel. Als ich wieder aufwachte, lag ich in einer Höhle und starrte eine Wand an. Ich blickte mich langsam um und sah einen jungem Mann, der an einem Tisch stand. Als er bemerkte, dass ich wach war, kam er auf mich zu und legte eine Decke um mich und gab mir etwas zu trinken. Ich nahm das alles nur am Rande wahr, denn ich hörte immer noch die Schreie meiner Eltern, aller Leute, die im Schloss wohnten. Sie alle waren entweder tot oder gefangen genommen worden und ich war schuld daran, denn eigentlich wollten die dunklen Ritter mich haben, aber ich bin wie ein verängstigtes Häschen geflohen und habe die Menschen ihrem Schicksal überlassen. Jetzt empfand ich Selbsthass.


Ich sah auf und blickte in grau-blaue Augen. Der Mann sah mich mit undurchdringlichen Augen an. Er hatte etwas Gefährliches und doch Beschützendes an sich.

„Wer bist du?“, fragte ich, „Der Tod?“

Der junge Mann sah mich einen Augenblick weiter an und drehte sich dann zu einem Gefäß mit Flüssigkeit um, das auf dem Tisch stand. Nach einer Weile sagte er: „Nein. Manchmal bin ich sein Helfer, der die Arme aufhält und die Toten rettet.“

Mit diesen Worten drehte er sich wieder zu mir um und ging vor mir in die Hocke. Dann strich er aus dem Gefäß die Flüssigkeit auf mein Gesicht, dorthin, wo ich blutete. Mir war es egal. Und wenn er mich umbringen würde, ich würde es begrüßen. Ich sagte nichts mehr. Die Erinnerungen an das Massaker kamen mir immer wieder vor Augen. Am liebsten hätte ich mich übergeben, aber selbst dafür fehlte mir die Kraft. Auf einmal sprach der Mann wieder: „Ich habe viele Namen. Manche nennen mich Licht andere Dunkelheit. Wiederum andere sagen, ich wäre das Leben und andere ich wäre der Tod. Einige sagen, ich wäre die Liebe, andere sagen, ich wäre der Hass. Einen menschlichen Namen, wie du habe ich nicht. Und doch geben mir die Menschen die unterschiedlichsten Namen, obwohl sie nicht einmal wissen, wer ich bin.“ Ich blickte ihn an und fragte: „Und wer bist du?“ „Alles.“, sagte er schlicht. Ich fragte mich, was er mir damit sagen wollte, kam aber nicht dahinter. Doch irgendetwas löste das, was er sagte in mir aus und endlich spürte ich etwas in mir. Etwas anderes als Selbsthass. Ich spürte Verzweiflung und Traurigkeit. Und ich weinte, ich weinte und hörte erst auf, als ich eine warme Hand auf meiner Schulter spürte. „Wer bist du?“ hörte ich den mysteriösen Mann fragen. Ich wusste es selbst nicht. Ich wusste, dass alles, was ich war, zum Tod vieler Menschen geführt hatte. Ich wusste, dass ich ein Fluch war und nichts Gutes in mir steckte. Also antwortete ich ihm, ich sei ein Monster. Und dann sprudelte alles aus mir heraus. Alles, was ich in den letzten Stunden erlebt hatte, erzählte ich einem fremden Mann, der mir aber so vertraut war. Ich erzählte ihm von den Rittern und dass sie vor meinen Augen alle getötet hatten, die ich liebte. Ich erzählte ihm, dass sie eigentlich hinter mir her waren, weil ich etwas war, dass sie vernichten wollten und ich erzählte ihm, wie ich floh.


Nach einer gefühlten Ewigkeit sah ich den Mann an und wartete darauf, dass ich in seinen Augen den Hass sah, den ich verdiente. Doch ich sah nur Warmherzigkeit und Liebe in seinen Augen. „Du bist kein Monster.“, fing er an. Ich unterbrach ihn und hörte mich sagen: „Doch, bin ich. Ich hätte sie retten können, aber ich hatte Angst. Diese Angst hat mich schwach gemacht und ich ging. Ich habe sie alle zurückgelassen. Die Welt, meine Welt brennt und es ist meine Schuld!“ Das war die Wahrheit. Und die Wahrheit brachte mich innerlich um.

„Du bist kein Monster.“, wiederholte der Mann. „Da ist Gutes in dir. Ich sehe es. Es ist nicht deine Schuld, dass diese Menschen tot sind. Jeder wird immer die Dinge gegen dich verwenden, die du liebst. Sie wollen dich brechen, aber das werden sie nie schaffen. Du hast überlebt, weil das Feuer in dir heller strahlt als das Feuer um dich herum. Nimm dieses Feuer und lasse es nicht ausgehen. Entfache es zu neuem Leben.“ Ich sah ihn lange an. Leise rannen mir Tränen über die Wangen. In meinem tiefsten Inneren wusste ich, dass er Recht hatte. Aber der Schmerz saß tiefer.


Als ich mich beruhigt hatte, sagte ich: „Ich bin die Prinzessin dieses Landes. Die Thronerbin. Ich wurde mit der Tragödie und der Dunkelheit dieser Welt im Herzen geboren. Ich kann niemanden mehr retten. Sie haben mich besiegt. Die Ritter wollten mich, weil ich die Letzte in meiner Blutlinie bin, die Königin werden könnte. Aber wie soll das jetzt noch gehen? Sie haben das Schloss und das Land an sich gerissen. Ich kann nichts mehr retten. Ich bin allein.“ Ich weinte vor Verzweiflung so sehr, dass es mir die Luft nahm. Dann spürte ich starke Arme, die mich umarmten und mich trösteten. Der Mann flüsterte: „So viel Leid für jemanden, der so jung ist. Kind, du bist geboren aus Magie. Die Magie der Liebe. Du hast deinen Eltern und deinem Land mehr Liebe gegeben als sonst jemand. Woher ich das weiß? Weil ich alles sehe. Ich sehe alles und jeden. Ich sehe die Seele jedes Menschen und weiß, dass deine Seele gut ist. Du bist geboren, um eine Anführerin zu sein. Du brauchst kein Schloss, keinen Thron und keine Krone, um dieses Volk anzuführen. Alles was du brauchst ist in deinem Herzen. Du bist nicht allein. Deine Eltern, dein Bruder, einfach alle werden immer bei dir sein. Vorwürfe brauchst du dir keine machen, denn sie haben dir alle schon längst verziehen.“


Er drückte mich etwas von sich und sah mich mit entschlossenen Augen an. „Nimm deinen Schmerz und verwandle ihn Kraft. Sei der Phönix, der aus der Asche wieder aufersteht. Sei die Hoffnung dieses Landes und sei die Königin, die alle retten wird!“ In diesem Moment passierte etwas mit mir. Ich spürte, wie die Kälte und Dunkelheit von einem strahlenden Licht vertrieben wurden. Wie Traurigkeit und Einsamkeit von neuem Mut und von Liebe ersetzt wurden. Ich spürte meine Eltern in mir, das Land und ich spürte etwas, das ich nicht erklären konnte. Ich fühlte den Herzschlag tausender Menschen. Eines schlug so ruhig, dass es fast schon nicht mehr menschlich war und ich wusste auch, wem das Herz gehörte. Der Mann vor mir lächelte mich an. Dann fragte er mich: „Wer bist du?“ Entschlossen sah ich ihn an. „Ich bin Valerie. Ich bin die rechtmäßige Herrscherin dieses Landes und ich führe mein Volk aus der Dunkelheit.“

Mit Stolz in den Augen blickte der Mann mich an, als ob ich sein eigenes Kind wäre. Und da wurde mir etwas klar: Dieser Mann war auch ein Herrscher. Er herrschte über alles. Über jedes Gefühl, jeden Menschen, jedes Tier. Ja, die Menschen hatten alle recht. Er war einfach alles. Ich lächelte ihn an und spürte in mir, dass dieser Mann, der mich vor dem Tod und auch vor mir selbst gerettet hatte, immer an meiner Seite sein würde. Das war das stille Versprechen, das er mir gab. Und dann ging ich. Ich ging und nahm meinen Platz ein. Ich ging in dem Wissen, dass ich nicht allein war. Und ich wusste, dass auch wenn die Dunkelheit drohte mich zu verschlingen, das Licht des jungen Mannes immer scheinen würde. Ich brauchte nur danach greifen und er würde mich retten. Er würde jeden von uns immer wieder retten. Das würde ich ihm nie vergessen und mit dem Wissen, dass ich ihn irgendwann wiedersehen würde, wurde ich das, was er mir prophezeit hatte. Ich wurde Ich. Erinnerungen konnten uns zwar foltern, aber sie machen uns auch zu den Menschen, die wir heute sind. Und mich machten sie stark.

Fortsetzung folgt …



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