TÜRCHEN 5: BUCHREZENSION CLUB DER TOTEN DICHTER

Aktualisiert: 9. Dez. 2021

“Medizin, Recht, Bankwesen – sie sind alle notwendig, um uns am Leben zu erhalten. Aber Dichtkunst, Romantik, Liebe, Schönheit? Für sie leben wir!“

1959, Welton Academy, eine Privatschule in den entlegenen Hügeln von Vermont. Nach der Sommerpause kommen viele Eltern mit ihren Söhnen an, um das neue Schuljahr mit der alten Zeremonie zum hundertjährigen Jubiläum der Schule zu beginnen. Mit ihnen erreichen auch die Freunde Neil Perry, Charlie Dalton, Knox Overstreet, Richard Cameron, Steven Meeks, Gerard Pitts und Neils neuer Zimmergenosse Todd Anderson das Anwesen. An diesem Tag ahnen die jungen Männer noch nicht, wie sehr der neue Englischlehrer und ehemalige Welton-Schüler John Keating ihr Leben komplett verändern wird.

Beginnend mit seiner ersten Stunde bringt Keating neues Leben in seine Klasse. Die englische Lehrbucheinleitung «Poesie verstehen» von Dr. J. Evans Pritchard, PhD., lässt er lautlos von Neil vorlesen, aber kurz darauf ruft er angewidert aus. „‘AAARRRRSCH!‘ schrie er. ‚Kehricht! Abfall! Müll! Reißen Sie es aus ihrem Buch! Vorwärts, reißen Sie die ganze Seite aus! Ich will, daß dieser Mist in den Papierkorb kommt, wo er hingehört!“ Er kommt nicht mit Pritchards Anweisungen klar, Poesie ganz linear und rational zu sehen, seine Schüler sollen lernen, was Dichtkunst wirklich bedeutet.

Fernab von allem, was die Schüler bis zu diesem Jahr an ihrer Schule gekannt haben, unternimmt Mr Keating nichts, um sie in die Richtung von Mr Zukunfts-Banker und Mr Zukunfts-Anwalt zu bringen. Sein Hauptziel ist es, sie in ihrenGedanken freizumachen und ihren Geist für die große Weltder Sprache zu öffnen.

Haben Sie keine Sorge, Sie werden in meiner Stunde lernen, was die Schule von Ihnen erwartet! Wenn ich jedoch meine Aufgabe richtig erfülle, werden Sie noch eine Menge mehr lernen. Zum Beispiel werden Sie lernen, Sprache und Worte zu genießen, denn was immer man Ihnen auch erzählen wird, Worte und Ideen haben die Kraft, die Welt zu verändern.

Mit großem Verständnis für ihre ‚geschmeidigen jungen Hirne‘, einem außergewöhnlichen Sinn für Humor und freundlichem Sarkasmus offenbart Mr Keating seinen Schülern die wundervolle und überwältigende Welt wahrer Poesie.

Kurz darauf entdecken Neil und seine Freunde, dass Keating während seiner Zeit in Welton einer streng verbotenen Geheimliteraturorganisation angehörte, dem ‚Club der toten Dichter‘. Weniger kompliziert erklärt: eine Gruppe von Jungen trifft sich hin und wieder in einer alten Waldhöhle, die sich alte, faszinierende Literatur vorlesen: Werke von Schriftstellern und Dichtern wie Shelley, Thoreau, Whitman oder sogar eigene Verse. Weil sie ihn verzweifelt darum bitten, erzählt Keating den Jungs alles, was sie wissen müssen, um den Club wieder aufzubauen. Aber: Was sollte der Name bedeuten?

„fragte Neil. ‚Haben Sie nur tote Dichter gelesen?‘

‚Jedes Gedicht war zugelassen, Mr Perry. Der Name erinnerte nur daran, daß man erst Mitglied der Organisation werden konnte, wenn man tot war.‘

Was?‘ sagten die Jungen im Chor.

‚Die Lebenden waren nur Kandidaten‘, erklärte er. ‚Man mußte ein ganzes Leben lang Kandidat sein, bevor man die Vollmitgliedschaft erlangen konnte. Ja, leider bin auch ich erst ein ganz kleiner Kandidat!‘“

Im weiteren Verlauf der Geschichte beginnen die Jungen ihr Leben bewusst zu leben; sie treffen sich in der alten Höhle, verlieben sich in die Literatur, machen Bekanntschaft mit ein paar Frauen, spielen Theater und saugen so tief wie möglich das Knochenmark des Lebens aus. Natürlich ohne dass der Rektor und alle anderen Lehrer, außer Keating, es bemerken – bis ein schrecklicher Zwischenfall, verursacht von boshaft sturen Eltern, passiert und alles auf den Kopf stellt.


Wow, welch intensives Buch. Der ‚Club der toten Dichter‘, als Buch verfasst von der unfassbar talentierten Nancy H. Kleinbaum, verlangt dringend danach, von Menschen aller Altersgruppen gelesen zu werden, die sich nach lebensverändernden Erfahrungen sehnen, die mit Tinte auf Papier niedergeschrieben sind. Lebensverändernd im wahrsten Sinne des Wortes. Nicht weit nach Anfang des Buches steht John Keating im Unterricht auf seinem Schreibtisch.

„‘Warum stelle ich mich hier oben hin?‘ fragte er.

‚Damit Sie sich größer vorkommen‘, vermutete Charlie.

‚Ich habe mich auf den Schreibtisch gestellt, um mir ins Gedächtnis zu rufen, daß wir uns ständig zwingen müssen, die Welt von einem anderen Standpunkt aus zu betrachten. Von hier oben sieht alles ganz anders aus. Falls Sie es nicht glauben, kommen Sie her, und stellen Sie sich hier oben hin! Sie alle. Einer nach dem anderen!‘“

Mr Keating ist wahrscheinlich der besten Lehrer für englische Literatur, den man je haben könnte. (Nicht dazu gedacht, um andere Englischlehrer zu beleidigen, Sie sind auch großartig!) Er sieht seinen Unterricht als einen Weg an, seine Schüler zu einem intellektuell reichhaltigen Leben zu bewegen.

Die faszinierenden Seiten dieses Buches haben eine unmittelbare Wirkung auf den Leser. Wer kein gefühlskalter Unmensch ist, kann sie nicht lesen, ohne ausfallend lachen zu müssen, überall Gänsehaut zu bekommen, sich in die Charakter und Worte zu verlieben oder – am Ende – das Herz aus der Brust zu weinen. Ich würde es jedem empfehlen, der bereit ist für eine emotionale und philosophische Achterbahnfahrt.

Besonders in der Weihnachtszeit eignet sich das Lesen dieses Buches besonders – nicht nur, weil das Ende der Geschichte im Winter spielt, sondern weil man auch in dieser andächtigen Jahreszeit wieder gern die Gedanken in Richtung der Liebe, der Leidenschaft und des tiefen Gefühls lenkt. Wer nicht so begeistert von Büchern ist, kann sich (natürlich!) auch einfach den Film „Club der toten Dichter“ anschauen, auf dem das Buch basiert.

PS: Lese das Buch nicht zu Ende, wenn Du nicht mindestens eine Hand voll Taschentücher in Deiner unmittelbaren Nähe hast. Vertrau einer wahnsinnig sensiblen Person wie mir – Du wirst sie brauchen.

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